Ein Hörbuch öffnet neue Wege der Rezeption

von Dr. Markus Giljohann (Westfälische Wilhelms-Universität Münster)

Wenn die Anzeichen nicht trügen, erleben wir zur Zeit eine sehr begrüßenswerte neue Aufgeschlossenheit für das Kulturland Japan. Mögen dabei traditionelle Ausdrucksformen Pate stehen, mag die Manga-Begeisterung der Jugend (auf den Buchmessen unübersehbar präsent) eine Rolle spielen – in jedem Fall begünstigt Vertrautes auch Schritte in zeitlich neuere und komplexere Welten.

Nun ist Ryunosuke Akutagawa (1892-1927) fraglos einer der bekannten Großen in der japanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Sein genialer auktorialer Brückenschlag zur europäischen Literatur hat das literarische Japan der Moderne nachhaltig geprägt. Doch wie in allen Bereichen der Weltkultur: das scheinbar umfassend Bekannte ist keineswegs überall gleichermaßen verankert. So nimmt es vielleicht nicht Wunder, dass Akutagawa – immerhin selbst Anglist – im angelsächsischen Sprachraum ungleich präsenter ist als etwa im deutschen. Macht man das kleine Experiment und fragt (wohlgemerkt) literarisch ambitionierte Leser nach seinem Namen, erntet man in den allermeisten Fällen Schweigen. Anders wird es erst, wenn man in den Kreis erklärter Cineasten vorstößt. Akira Kurosawas Kultfilm Rashomon von 1950 wird strahlend als bekannt und erinnerungs-intensiv bestätigt.

In diesen Raum stößt nun Literatur der Zukunft vor. Mit seinem soeben erschienenen Hörbuch Im Dickicht verwirklicht es ein Projekt, das wie geschaffen scheint, den Faden der Akutagawa-Rezeption weiterzuspinnen.

Mit einem wirkungssicheren Kunstgriff wird eine völlig innovative Fassung des Stoffs gewagt. Der Regisseur und Sprecher Markus Kopf hat sich mit dem Jazzschlagzeuger Ben Bönniger zusammengetan, um ein Duo-Format für Akutagawas hoch-spannende Erzählung zu entwickeln. Es lebt ebenso von der sprachlichen Dichte des Textes wie dessen kreativer Spaltung in zwei Ebenen – Stimme und Musik. Der Trailer von dem jungen Berliner Fotografen und Filmer Max Motel versteht sich als visuelle Verbeugung vor Akutagawas Meistererzählung und Kurosawas Meisterfilm.

Erstaunlich, dass hier das Ganze wirklich mehr ist als die Summe seiner Teile. Intensiv, direkt, sinnlich, berührend. Es gibt das schöne Wort von der gegenseitigen Illuminierung der Künste. Hier wird es wahr.

 Hörbuch: Ryūnosuke Akutagawa – Im Dickicht

Markus Kopf (Stimme) & Ben Bönniger (Schlagzeug)

Literatur der Zukunft 2020

http://literatur-der-zukunft.de/buch/akutagawa-im-dickicht/





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