Eine Buchbesprechung: Tamayo Iwamura, Berufsethik und Grundwerte in Japan: Erfolgsgeheimnisse jahrhundertealter Unternehmen, Springer-Verlag, 2021 (auch als e-book erhältlich)

Welch ein nüchterner Titel! Doch der Untertitel ist es, der zu Recht Interesse an der Lektüre weckt! Die Autorin, Kulturwissenschaftlerin in Tokio, hat sich zum 10. Jahrestag der Dreifachkatastrophe von 2011 Gedanken darüber gemacht, welche kulturell-sozialen Eigenschaften der japanischen Gesellschaft am ehesten geholfen haben, den Schock dieser Katastrophe zumindest abzufedern. Sie hat einen wichtigen Grund in der Widerstandsfähigkeit althergebrachter gesellschaftlicher Strukturen entdeckt. Die wiederum finden sich erstaunlich ausgeprägt in Ethik und Wertvorstellungen traditioneller Unternehmen.
Hier sind ein paar Zahlen, die Sie überraschen dürften: Es gibt weltweit 80066 Unternehmen, die länger als 100 Jahre bestehen. Davon sind 33076 – das sind 41,3 Prozent – in Japan beheimatet. Von den weltweit 2051 seit über 200 Jahren bestehenden Unternehmen sind 1340 in Japan ansässig – das sind 65 Prozent (wie viele deutsche gibt es denn, fragen Sie? Nun, 201, das sind 9,8 Prozent).
Es muss Gründe für diese Beständigkeit japanischer Unternehmen geben. Frau Iwamura findet sie in einer Mischung unterschiedlichster Traditionen, aber auch in der Gedankenwelt der Menschen. Diese gibt ihnen Beharrungsvermögen auch unter schwierigen Bedingungen. Frau Iwamura untersucht die Welt der Handwerker, der Kaufleute, der Samurai, der heutigen Bürokratie, sie entdeckt Eigenheiten des traditionellen Rechtsbewusstseins, der Verhaltensnormen bis hin zur Konfliktlösung (entdecken Sie den Hintergrund des Begriffs Sanpo Ichiryozon!). Es ist letztlich der sozioökonomische Charakter der Gesellschaft als Ganzes, in engem Zusammenhang mit religiös-weltanschaulichen Traditionen, der die japanische Gesellschaft auch über die Unternehmenswelt hinaus dazu befähigt, widrige Situationen zu bewältigen. Mit Recht verweist die Autorin abschließend darauf, dass diese Eigenschaften auch in der gegenwärtigen Pandemie hilfreich sein müssten.
Es ist eine faszinierende, anschaulich dargelegte und anregende Analyse, die Frau Iwamura (die ihr Buch übrigens selbst in deutscher Sprache geschrieben hat) hier vorlegt. Sie wird Ihnen gefallen.
Volker Stanzel





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