Liebe Freunde, dieser Leitartikel der heutigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung würdigt, finde ich, die Erfolge der Amtszeit Premier Abes in sehr genauer Weise. Ich empfehle ihn zur Lektüre.

Ihr Volker Stanzel

 

F.A.Z. – PolitikMittwoch, 13.07.2022
Japan muss aufpassen
Von Patrick Welter
In den Vereinigten Staaten ließ Präsident Joe Biden die Flagge am Weißen Haus auf halbmast setzen. In Indien ordnete Ministerpräsident Narendra Modi und in Brasilien Präsident Jair Bolsonaro Nationaltrauer an. Die Fülle an Beileidsbekundungen zum Tod von Shinzo Abe reicht von Brüssel über Kiew bis Moskau und von Canberra über Taipeh bis Peking. Die Kondolenz beweist nicht nur das Entsetzen darüber, dass im friedlichen Japan der ehemalige Ministerpräsident auf einer Wahlveranstaltung ermordet werden konnte. Sie belegt zugleich, dass Abe mit seiner wichtigsten politischen Mission Erfolg gehabt hat. Abe hat Japan als diplomatische Kraft wieder auf der Weltbühne etabliert.

Das wird nicht nur in künftigen Geschichtsbüchern zu lesen sein. Es zeigt sich schon jetzt in der Tagespolitik zum Beispiel Deutschlands oder Europas, in der Abes strategische Weitsicht Spuren hinterließ. Schon 2007 entwarf Abe in einer Rede vor dem indischen Parlament die Vision eines „weiteren Asiens“, das sich vom Pazifischen bis zum Indischen Ozean spannt. Die Perspektive zentriert den Blick auf Asien nicht mehr in China, sondern im Freihandel der Seewege und im Viereck der Demokratien Indien und Japan, Amerika und Australien. 2016 in Nairobi beschrieb Abe die Werte dieser indopazifischen Region, in die er Afrika mit einschloss, mit Freiheit, der Herrschaft des Rechts, der Marktwirtschaft, der Freiheit vor Zwang und Nötigung und mit Wohlstand.

Wenn heute in Indo-Pazifik-Strategie-Papieren in Europa oder Amerika Ähnliches zu lesen ist, dann zeugt das von der Diplomatie Japans. Und es zeugt von der strategischen Weitsicht Abes, der früher als andere die verlockende Idee des Indopazifiks entdeckte, um der drohenden Vormachtstellung des kommunistischen Chinas entgegenzuwirken. Dazu gehört, dass Abe die Quad-Gruppe der vier großen Demokratien in der Region anschob und den transpazifischen Freihandelspakt rettete, als die Vereinigten Staaten unter Donald Trump ausgestiegen waren.

Kann Japan nach Abe diesen außenpolitischen Einfluss wahren? Der jetzige Ministerpräsident Fumio Kishida war vier Jahre lang unter Abe Außenminister. Im Ukrainekrieg hat er Japan selbstbewusst klar an die Seite des Westens gestellt und Russland vergrätzt. Er will natürlich Abes Vermächtnis fortführen. Doch ob Kishida die perspektivische Weitsicht und das persönliche Charisma mitbringt, um Japans Stimme an den Konferenztischen der Welt dauerhaft international Gewicht zu verschaffen, muss er außerhalb der Sondersituation des Ukrainekrieges noch beweisen. Das gilt auch für seine demonstrativ vorgetragene Entschlossenheit, die Verteidigungsausgaben substanziell zu erhöhen. Umfragen in Japan zeigen dafür Zustimmung, aber keine überwältigende Mehrheit. Die Finanzierung ist noch ungeklärt.

In anderer Hinsicht kann Japan nach Abe diplomatisch und als Bündnispartner auch militärisch vielleicht sogar einfacher agieren. Das historische Gepäck der japanischen Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg könnte sich im Verhältnis zu Südkorea und anderen Opfern japanischer Aggression als leichter erweisen, wenn in Tokio nicht mehr Abe mit seinen Tendenzen zur Beschönigung der Geschichte im Hintergrund die Zügel führt.

Für Japan selbst ist der Mord an dem ehemaligen Ministerpräsidenten ein schwerer Schlag. Abe bot dem Land der oft wechselnden Regierungschefs eine politische Stabilität, die die Japaner schätzten. Er öffnete das Land für eine größere Rolle im Rahmen der kollektiven Verteidigung. Den unter der pazifistischen Glocke lebenden Japanern vermittelte er so ein realistischeres Verständnis für die Sicherheitslage im Nordosten Asiens. Das wird wohl bleiben.

Zugleich aber war Abe ein Antreiber, der Japan nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche Größe verschaffen wollte. Nach fast zehn Jahren der aggressiv-expansiven Geldpolitik und drastisch steigender Staatsschulden ist von dem großen Experiment der Abenomics der Glanz ab, und es zeigen sich mehr und mehr die Schattenseiten.

Doch war Abe einer der ganz wenigen Ministerpräsidenten in den vergangenen Jahrzehnten, der gegen einbetonierte Sonderinteressen wie die Landwirtschaft und gegen die Beharrungskraft der Ministerialbürokratie Erfolge erzielte. An einigen wichtigen Stellen wie dem Freihandel, der Öffnung für Gastarbeiter oder der Beteiligung von Frauen am Berufsleben stellte er Weichen, die der verkrusteten Wirtschaft und alternden Gesellschaft mehr freiheitliche Luft verschafften und künftig verschaffen werden. Der Konservative zeigte die Zuversicht des Liberalen. In dieser Hinsicht ist in Japan kein Nachfolger für Abe in Sicht. Das Land muss aufpassen, dass es nicht in die bleierne Stagnation zurückfällt.





Kommentar hinterlassen | コメントする

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.