Aufgeschrieben am 11. Tag der Spiele
von Dr. Wolfgang Bockhold

Bereits vor dem Beginn der Olympiade in Japan hatte ich mich unter die, lt. einer Erhebung von BBC, 70% der japanischen Bevölkerung eingereiht, die der Olympiade, auch nach der Verschiebung um ein Jahr, ablehnend gegenüberstanden. Eine weltumfassende sportliche Großveranstaltung im nicht nur erdbebengefährdeten Japan, das darüber hinaus zur feucht-heißesten  Jahreszeit mit beginnendem Taifunaufkommen schon die sich von Raumkühlern zu eisgekühlten Getränkeautomaten schleppenden einheimischen Menschen allzusehr beschwert, erschien nicht nur mir, unvorstellbar zu sein. Und die Pandemie, Anlaß der Verschiebung, war und ist immer noch nicht zu Ende.

Die Entscheidung war letztlich dem IOC zuzuschreiben, aber auch im eifrig darüber diskutierenden japanischen Parlament wurde schließlich den meisten Abgeordneten klar, daß bei einer Absage sehr viel Geld aus Japan abgeflossen wäre. Die anhaltende hitzige Diskussion selbst im Parlament (die wohl abwegigste Äußerung ist am Tag vor der Eröffnungsfeier dem Abgeordneten Kawauchi von der Oppositionspartei Rikkenminshutou zuzuschreiben, der in offensichtlicher Verkennung der verfassungsrechtlichen Realität erklärt hatte, jetzt könne nur noch der Tenno bei der Eröffnung die Olympiade absagen) ist vor allem auch der kritischen Berichterstattung japanischer Medien zuzuschreiben, allen voran der regierungskritischen Asahi-Shinbun, die nun allerdings, dem Stimmungswandel in der japanischen Bevölkerung folgend, Berichte über den Verlauf der Spiele in optisch etwas zurückgesetzter Form in die Berichterstattung aufgenommen hat. Dabei ist Akahata, das Organ der KPJ, die sich von Anfang an klar gegen die Spiele positioniert hatte, am konsequentesten: die Spiele werden bislang mit keiner Silbe erwähnt.

Wollen wir mal absehen von dem Umstand, daß auch beim Sport das Geschäft eine wesentliche Rolle spielt, als hemmungsloser Idealist gebe ich trotz der vielen, der olympischen Idee abträglichen Aspekte dem Wort des IOC-Präsidenten Bach bei seiner Eröffnungsrede den Vorrang, der von der „vereinigenden Kraft des Sports, eine Botschaft der Solidarität und des Friedens“ sprach. Dahinter treten Vorkommnisse in den Hintergrund, wie die Absage der nordkoreanischen Delegation, oder der Absage eines Tennissportlers, der es sich nicht vorstellen konnte, vor leeren Rängen aufzutreten (ich glaube, das ist das richtige Wort, auch hierzulande gibt es Künstler, die von ausbleibender Aufmerksamkeit so irritiert sind, daß sie ihren Auftritt sogar abbrechen), Doping-Vorfälle, die sich allerdings in Grenzen halten, genauso wie die zu erwartenden Infektionsfälle, die allerdings von den Medien (s.o.) besonders beachtet werden.

Abgesehen vom wirtschaftlichen Aspekt, der für die Verwirklichung der Spiele eine entscheidende Rolle spielt, tritt gerade bei dieser Olympiade die Politik, die eigentlich vor dem Hintergrund des sportlichen Ideals möglichst unsichtbar bleiben sollte, in nicht sehr rühmlicher Weise in den Vordergrund.

Da ist nicht nur der Fall der Athletin aus Belarus, der nach kritischen Äußerungen zur Sportpolitik ihres Landes von ihrem Präsidenten die weitere Beteiligung in ihrer Disziplin untersagt wurde oder von dem arabischen Athleten, der einen Wettkampf mit einem, als Feind betrachteten israelischen Gegner ablehnte. Unübersehbar ist nach wie vor die Realität in den politischen Beziehungen der Länder im pazifischen Raum. Proteste gab es aus Richtung China, nachdem zwar für Taiwan die englische Bezeichnung „Chinese Taipei“ auf den englischsprachigen Schildern auftauchte, doch, bis heute in der japanischen Sprache, auch in den Medien nur das Wort „Taiwan“ Verwendung findet.

Auch die leider immer noch vorherrschende Aversion zwischen Japan und Korea hat ihren Ausfluß in der Errichtung einer eigenen Küche für das koreanische Team gefunden, um nicht durch Gemüse, das aus dem „vergifteten“ Fukushima stammt (die Einfuhr von Gemüse aus der japanischen Präfektur ist in Korea verboten) gesundheitliche Beeinträchtigungen zu erfahren. Ein koreanisches Teammitglied, das zwischenzeitlich sich aus der, allen zugänglichen japanischen Küche etwas zum Essen holte, wurde von seinen politisch korrekten Kameraden dabei vor aller Augen gemaßregelt.

Die leeren Ränge an den Wettkampfstätten, in denen die Sportler ihre Höchstleistungen erbringen, sind zwar, auch vom Standpunkt der Sportler gesehen, äußerst bedauerlich, doch im Fernsehen meist kaum zu sehen. Da ich in der glücklichen Lage bin, auch hier in Deutschland 24 Stunden die meisten japanischen Fernsehkanäle sehen zu können, kann ich den Sinnesumschwung in der japanischen Bevölkerung mitvollziehen. Trotz besagter leerer Ränge (wobei immerhin alle zu den Spielen zugelassenen Mitarbeiter, Journalisten und sonstige Personen mit Beziehungen Zutritt haben) ist die Hingabe, der sportliche Kampfgeist und die Kameradschaft der Sportler unter sich unverkennbar und wird entsprechend auch von den Medien wiedergegeben. Nicht zuletzt deshalb und weil Japan derzeit auf Platz drei im Medaillenspiegel (hinter China und USA) zu finden ist, hat sich die Stimmung auch in der japanischen Bevölkerung hin zu einer Unterstützung der Spiele gewandelt. Selbst das bemitleidenswerte, sorgenvolle Gesicht von Ministerpräsident Suga, über den sich in der letzten Zeit aus welcher Richtung auch immer Unmut entladen hatte, hat sich mittlerweile aufgehellt.

Mein Wunsch wäre es, daß die Spiele weiter von den größten Unbillen verschont bleiben, so daß sie letztlich auch für Japan als Erfolg verbucht werden können und damit, trotz Corona-Pandemie und trotz aller politischer Mißtöne einen Trittstein auf dem Weg zur Realisierung des sportlichen Ideals darstellen, allen Völkern der Welt zu zeigen, daß letztlich nur die menschliche Leistung zählt und zu ehren ist, ungeachtet von Herkunft, Aussehen, Geschlecht, Religion oder Ideologie. Utopie?





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