In diesen Tagen machte eine Meldung die Runde, dass ein japanisches Unternehmen 1 Million Atemmasken in mehreren Kisten als Spende auf den Weg nach China gebracht hat. Die Adresse war – einer buddhistischen Weisheit entlehnt – um die Aufschrift ergänzt worden: „Getrennte Länder – gemeinsamer Himmel“. Das hat in mir den Gedanken ausgelöst, meinen Kollegen, die dem Gedanken der Völkerfreundschaft dienen, einen Text zur Verfügung zu stellen, der in eine ähnliche Richtung weist. Es ist ein „Vorab“ zu einem Buch, an dem ich schreibe. Darin zeichne ich Lebensbilder von Deutschen, deren Beitrag für die deutsch-japanische Freundschaft eine besondere Würdigung verdient. Ich beschäftige ich mich nicht nur mit den ohnehin bekannten Persönlichkeiten – etwa den drei großen Ärzten (Engelbert Kaempfer, Franz von Siebold, Erwin Bälz) und dem erfolgreichen diplomatischen Brückenbauer Graf Eulenburg – sondern werfe Licht auf andere, von denen wir wenig wissen: Auf Gottfried Wagener, dem alte Handwerkskunst und junge Industrien ein Anliegen waren, auf Johannis Justus Rein, der die modern Geografie in Japan heimisch gemacht hat, auf Wilhelm Solf, der die Grundlagen für eine erneuerte Partnerschaft gelegt hat, auf Bruno Taut, der auf der Suche nach dem „Dritten Japan“ war, und auf viele andere.

Aber es war mir nicht genug, Traditionswerte auszugraben, so wichtig sie auch für ein gefestigtes Selbstverständnis in der Gegenwart sein mögen. Ich wollte keine Flucht in die Vergangenheit antreten. Deshalb habe ich auch einige Kapitel unter der Überschrift „Die Zukunft im Kopf“ angefügt. Der letzte Abschnitt ist mir besonders wichtig, vor allem wenn man auf den „gemeinsamen Himmel“ sieht, von dem eingangs die Rede war. Soviel zum Verständnis des möglicherweise kontroversen Beitrags, den Sie untenstehend finden.

Mit guten Wünschen
Ihr Ruprecht Vondran

 


Vor neuen Aufgaben

Außerhalb der Themen, mit denen wir uns schon seit langem beschäftigen, gibt es neue Herausforderungen: Die modernen Naturwissenschaften und die von ihnen in Gang gesetzten technischen Entwicklungen haben Folgewirkungen, die wir noch nicht „eingepreist“ haben. Es ist an der Zeit, nach Antworten zu suchen, wie unser künftiges Leben aussehen soll. Dazu – nur beispielhaft – eine kleine Auswahl wichtiger Fragen (sie sollen nur zeigen, in welche Richtung wir uns gedanklich bewegen müssen. Sie könnten beliebig ergänzt werden):

  • Was kommt auf uns zu (eine unerträgliche Erderwärmung, Streit um Luft und Wasser, eine anschwellende Migration, Zerfall der internationalen Arbeitsteilung, gewalttätige Auseinandersetzungen… nichts von dem oder was noch) ?
  • Welche technischen Veränderungen stehen ins Haus (immer leistungsfähigere Informationssysteme, innovative Mobilität, immer umfassendere Regulierung, Überwachung, „soziale Kreditsysteme“ …)?
  • Wie bewältigen wir den damit verbundenen Umsturz in unserer Gesellschaft (Es gibt Alternativen: Soziale Netzwerke//weitere Verrohung oder Chance auf mehr Demokratie; Klimaveränderung//freiwilliger Konsumverzicht oder Verbote von staatswegen; technischer Fortschritt//ungezügelte Nutzung oder ethische Beschränkung …)?
  • Was ergibt der Blick über die Grenzen (Wie reagieren die Deutschen, welche Konsequenzen ziehen die Japaner, was tun andere …)?
  • Regieren Unvernunft und Gewalt oder gelingt es miteinander zu lernen?

Kaum eine dieser Fragen steht bisher auf unserer Agenda. Und nur ein Bruchteil kommt in unsere Reichweite. Aber ganz können wir uns nicht davon machen, indem wir uns als unzuständig erklären. Deshalb dazu noch einige Anmerkungen:

Der Mensch hat ein fast unbegrenztes Zerstörungspotential

Er hat in seinem Bemühen, „sich die Welt untertan zu machen“, sehr weit gegriffen. Es ist in seiner Hand, die Erde – das Raumschiff, mit dem er unterwegs ist – zu vernichten. Dabei stehen die Waffenarsenale, die von den Großmächten angelegt worden sind, nicht einmal im Vordergrund. „Sowohl Amerika als auch Russland verfügen jeweils über mehr als 1.600 stationierte, sowie Tausende weitere deponierte sowie ausgemusterte Atomsprengköpfe. Mit ihnen … sind beide Staaten nach wie vor in der Lage, die Welt mehrfach zu zerstören“ ( FAZ 3.1.2020). Das können wir nur zur Kenntnis nehmen. Darauf wirksam Einfluss auszuüben, ist eine Sache der hohen Politik.

Der Mensch hat naturwissenschaftliche Prozesse ausgelöst, die außer Kontrolle geraten sind

Die Wissenschaft legt uns dazu Kurvendiagramme vor, die den anthropologischen Einfluss auf die Erde sichtbar machen: „Vom Bevölkerungswachstum über den Anstieg des Bruttosozialprodukts, die Zunahme von Staudämmen, den Wasserverbrauch, den Anstieg des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre, die Plastikproduktion bis hin zum Rückgang des Regenwalds und der Biodiversität. Die Daten dieser Kurven zeigen alle denselben Verlauf: Von der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts an stiegen sie exponentiell an. Die gezeigten Kurven verweisen in der Tat auf eine dramatische Entwicklung. Die Erdwissenschaftler sprechen von der ´Great Acceleration´, der großen Beschleunigung“ (FAZ 4.1.2020). Gelingt es, den Lebensraum des Menschen zu bewahren? Hier liegt die größte Herausforderung.

Die Großmächte sind nicht in der Lage, das Notwendige zu tun

Zum Schutz der Schöpfung bedarf es einer großen, ja einer weltumspannenden Allianz. Aber überall auf der Welt sind die Naturwissenschaften schneller gewachsen als die sozialen Fähigkeiten der Menschen, mit neuen technischen Potentialen umzugehen oder gar grenzübergreifende Vereinbarungen zu treffen Globale Organisationen wie die Vereinten Nationen sind bei weitem zu schwach, um gegen die Übergriffe des Menschen, zum Schutz der Schöpfung, Durchgreifendes zu leisten. Von daher ist nichts zu hoffen. Die jammervollen Klimakonferenzen mit hunderten von Delegierten und tausenden von Teilnehmern liefern dazu die traurigen Bilder. Die drei Großmächte USA, Russland und China kämpfen um weltweite Hegemonie. Die Nutzung ihrer Ressourcen betreiben sie sehr robust. Es ist nicht zu erwarten, dass sie aus eigenen Stücken zu Gunsten des Umweltschutzes zu gemeinsamen Entscheidungen kommen, es sei denn der weltweite öffentliche Druck wird zu stark und es finden sich überall unüberhörbare Stimmen der Vernunft, die schließlich ein Umdenken bewirken.

Deutschland und Japan müssen einer besonderen Verantwortung gerecht werden

Hoffnung kommt nur von den Mittelmächten. Und unter ihnen stehen Deutschland und Japan in der ersten Reihe. Dafür gibt es gute Gründe. Beide Länder haben unmittelbar erfahren müssen, was eine hochtechnisierte Kriegsmaschinerie an Zerstörungskraft zu entwickeln vermag. Dafür stehen Hiroshima und Nagasaki, Dresden und die Namen vieler deutscher Großstädte. Schaffen wir es nicht, der Umweltzerstörung Einhalt zu bieten, so stehen die Chancen sehr schlecht, einen erbitterten Verteilungskampf um schrumpfende sichere Lebensräume, um Anteil an den Rohstoffquellen der Welt, um Wasser und Luft, friedlich zu lösen. Die Zeichen für eine Katastrophe stehen hinreichend deutlich an der Wand. Jeder kann sie lesen.

Deutschland erfreut sich international noch immer einer guten Reputation für einen wirkungsvollen Umweltschutz. Zur Lösung des Problems vermag das Land aber allein nur wenig beizutragen, schon weil nur 2 % des globalen CO2- Ausstoßes auf sein Konto gehen. Das würde sich ändern, wenn Deutschland und Japan zu einer Gemeinschaftsinitiative zusammenfinden könnten. Ein „harter Kern“ der zwei großen erfahrenen Exportnationen wäre eine Richtungsentscheidung. Andere könnten sich anschließen. Denn vielen ist unbehaglich.

Schon die beiden Länder gemeinsam bringen allerhand mit: ein beachtliches Potential an Naturwissenschaft, eine hochentwickelte Umwelttechnik, eine leistungsfähige Industriestruktur und – trotz aller Schwächen – eine bisher noch fest gefügte gesellschaftliche Ordnung. Japan und Deutschland sehen sie sich als politische Partner, obwohl sie sich in vielen Märkten als Wettbewerber begegnen. In beiden Ländern hat Umweltschutz – angesichts ihrer Existenz auf sehr verdichtetem Raum – gesellschaftlich hohe Priorität.

Die „Deutsch-Japanischen Gesellschaften“ können zu einer Umwelt-Allianz etwas beitragen

Was unsere Freundeskreise vermögen, ist nicht sehr viel, aber es könnte doch ein solider Beitrag werden. Indem sie das Thema Umweltschutz auf ihre Agenda nehmen, schärfen sie das Umweltbewusstsein in ihren eigenen Reihen. Damit gewinnen sie auch Strahlkraft nach außen. Sie können Möglichkeiten für eine internationale Zusammenarbeit aufzeigen und in ihren Ländern für solche Lösungen werben. Darin liegt eine deutliche Erweiterung des selbst gestellten Auftrags.

Überzeugungskraft gewinnen sie nur, wenn sie Bewegungen im Bereich von Naturwissenschaft und Technik frühzeitig in den Blick nehmen. Nur so ist deren Bedeutung für unser soziales Zusammenleben rechtzeitig zu erfassen. Auch das erfordert ein Umdenken: Bisher haben sie sich – als Kulturgesellschaften – wenig mit dem beschäftigt, was Nähe zu den Naturwissenschaften aufweist. Doch je tiefer der Mensch in den Naturhaushalt eindringt, umso mehr bedarf es einer Neufassung der Begriffe. Es mehren sich die Stimmen, „dass Kulturwissenschaften, die sich um ein Verständnis des Menschen kümmern, nicht mehr umhin können, die technologischen und materiellen Transformationen des menschlichen Seins in den Blick zu nehmen“ (FAZ aaO).

Im Kern heißt unser Thema: Wie können wir künftig leben – unter dramatisch veränderten Verhältnissen? Antworten zu finden, wird eine schwere Aufgabe sein. Wichtig ist, den Dialog, auf den wir uns einlassen müssen, konstruktiv zu führen. Keine Klagemauern und Untergangsszenarien! „Die Zukunft ist stets ungewiss, und so dürfen wir ihr mit größtmöglicher Freiheit und Flexibilität begegnen…. Es gibt keinen Vorrat an konstruktiven Ideen. Wir müssen immer wieder neu anfangen, jeweils entsprechend der aktuellen Ausgangslage“ (Alfred Herrhausen).

Ruprecht Vondran





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