In unseren Archiven harren noch große historiographische Schätze ihrer Entdecker. Im 30. Jahr nach der deutsch-deutschen Vereinigung ist es an der Zeit, sie zu heben. Die DDR unterhielt Beziehungen zu zahlreichen Ländern auf allen Kontinenten. Diese 40 Jahre, von der Gründung der DDR bis zum Fall der Mauer, sind ein wichtiger und lehrreicher Teil der deutschen Geschichte.

Als ich 2016 für einen Sammelband eines akademischen amerikanischen Verlags einen Beitrag die DDR und Japan verfasste, stellte ich fest, welch faszinierende und bereits fast vergessene Facetten das deutsch-japanische Verhältnis durch die Beziehungen der DDR zu Japan besitzt. Auf den 18 Seiten meines Buchbeitrags ließ sich das Allermeiste nur antippen – und außerdem bedurfte es sehr viel mehr sehr viel tiefer gehender Quellenstudien. So sehe ich mit großer Freude, dass sich nun ein kompetenter Autor vertieft mit dem Thema befasst:

Shoko Akagawa, Die Japanpolitik der DDR 1949 bis 1989, Berlin: Peter Lang GmbH, 2020

Das wichtigste Ziel der Japanpolitik der DDR war bis 1972 ein politisches: Anerkennung als eigener Staat: Dazu kam ein wirtschaftliches: Zugang zu fortschrittlicher westlicher Hochtechnologie. Die DDR-Politik Japans war vor allem wirtschaftlich motiviert: Exporte in das reichste Land des Ostblocks und darüber auch Zugang zu den anderen Märkten des Sowjetblocks; politische Motive spielten höchstens bei den linken Oppositionsparteien Japans ein Rolle. Die Kultur – und das ist  so interessante – erwies sich als Wegbereiter zur Verbesserung der Beziehungen – immerhin stand die DDR wenigstens geografisch für das klassische Deutschland der Musik, der Literatur und der Wissenschaft.

Shoko Akagawa hat sich nicht auf viel Fachliteratur und Forschung stützen können – davon gibt es kaum etwas. Er hat aber die Chance genutzt, den noch lebenden Zeitzeugen zuzuhören, und er ist dabei auf auf vielleicht subjektiv gefärbte, aber dennoch einzigartige Erkenntnisse gestoßen. Das ergibt oft spannende Bilder. So berichtete etwa Hans Modrow, der spätere letzte Ministerpräsident der DDR vor den ersten freien Wahlen 1990, dass es die Sowjetunion war, die der DDR-Führung empfahl, sich bei ihren Bemühungen um den Aufbau von Beziehungen zu Japan auf die konservative Regierungspartei LDP zu konzentrieren, nicht die ideologisch nahestehenden, aber machtlosen linken Parteien wie die SPJ ins Visier zu nehmen. Darüberhinaus hat Akagawa die umfangreichen Archive der SED und der Stasi sowie die verschiedenen offizielle Archive auf japanischer Seite eingesehen (und das ergibt am Ende 1351 Fußnoten!). Auch hier hat er bedeutende Erkenntnisse ans Licht des Tages befördert – für mich frappierend die Beobachtung, dass es der japanischen Öffentlichkeit verborgen blieb, dass ihr Land sowohl ein Spielfeld der Auseinandersetzung zwischen der DDR und der Bundesrepublik war, als auch wie aktiv und weitreichend die Industriespionage (um vor allem an die Geheimnisse der Mikroelektronik zu gelangen) der DDR in Japan war. Zu diesen beiden Punkten und zu vielen anderen stellt am Ende auch Akagawa fest: Hier ist noch ein großes offenes Feld für die Forscher der Zukunft.

Shoko Akagawa ist in vieler Hinsicht prädestiniert für die Forschung, die er mit diesem Buch vornimmt: Er ist ein bekannter und lange in Europa tätiger Journalist der Nihon Keitai Shimbun, promoviert in Politik und deutscher Nachkriegsgeschichte an der FU Berlin. Mit diesem Buch hat er die Historiografie sowohl zu Japan als auch zur deutschen Nachkriegsgeschichte wesentlich bereichert.

Wer ein wenig ins Buch hineinschauen möchte, kann das hier tun: https://www.peterlang.com/view/title/71468

Aber Achtung: Der Verlag verkauft das Werk für 67 Euro, auf den Versandhausplattformen ist es für 29 Euro zu bekommen.

von Volker Stanzel





Kommentar hinterlassen | コメントする

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.