Noch knapp fünf Wochen bis zur Jahrestagung. Da werden wir miteinander auch über aktuelle Entwicklungen in Japan sprechen. Und was gibt es da aktuelleres, als die Ereignisse morgen und übermorgen: Tenno Akihito dankt ab, Tenno Naruhito nimmt seinen Platz ein!

Dazu wurde ich von der Stuttgarter Zeitung interviewt.

Zudem finden Sie unten noch einen kleinen Text, den ich für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik geschrieben habe.

Herzliche Grüße
Volker Stanzel


Der Tenno geht, ein neuer kommt

Mit einer Mischung aus Neugier und Amüsement wartet die Öffentlichkeit Japans auf den Rücktritt des Kaisers, Akihito, am 30. April und auf die Übernahme des Thrones durch Naruhito, seinen Sohn, am 1. Mai. Das demokratischste Land Asiens, und zugleich eine Monarchie altertümlichsten Zuschnitts? So ultramodern dieses Japan sein mag, hier lohnt es, genauer hinzusehen. Auch auf den Thronfolger, der dann der 126. in der langen Linie der ununterbrochen herrschenden, einzigen verbliebenen Kaiserdynastie der Welt sein wird.

Dreißig Jahre war Akihito auf dem Thron, er war Hirohito gefolgt, der in noch nicht ganz geklärter Weise Mitverantwortung für den Anteil Japans am Zweiten Weltkrieg trug. Die Zeit Hirohitos nach dem Krieg war die des Wiederaufbaus und des japanischen Wirtschaftswunders. Akihito erlebte, kaum angetreten, den großen Einbruch der japanischen Wirtschaft, von dem das Land sich erst nach anderthalb Jahrzehnten erholte. In dieser Zeit unerwarteter Umbrüche war Akihito ein Ruhepol, ein ruhiger, ziviler Herrscher, dessen größter Ehrgeiz es war, wie er in seiner Antrittsrede angekündigt hatte, „dem Volk nahe zu sein“. Das ist ihm gelungen, durch viele, aber geradezu spektakulär bescheidene Auftritte in der Öffentlichkeit, durch die fast gänzliche Abwesenheit von Skandalen in der Familie, vor allem durch seine Präsenz und die der Kaiserin nach den Katastrophen, die Japan immer wieder heimsuchten. Die Bilder der knienden Majestäten, wie sie die Überlebenden der großen Erdbeben oder der Tsunami besuchten, bringen in der japanischen Seele eine Saite zu ungewohntem Klingen, denn glanzvolle Abgehobenheit des Tenno will die Tradition. Von der aber hat Akihito sich abgewandt. „Freude und Leid“ will denn auch der Thronfolger Naruhito mit seinem Volk teilen, hat er angekündigt, und sich darüberhinaus dem Umweltschutz widmen.

Die Enkel der Sonnengöttin

Der Ursprung des japanischen Herrscherhauses ist zeitlich nicht genau festzumachen, aber das sechste Jahrhundert dürfte es gewesen sein, als der Clan der heutigen Tennofamilie sich die Herrschaft über das Land erkämpfte und sich sogleich zu Abkömmlingen der höchsten Gottheit, der Sonnengöttin erklärte. Die Zeit der Herrschaft dieses Clans ging in endlosen Machtkämpfen schon nach etwa zweihundert Jahren zu Ende, die Zeit des Tennowesens aber nicht – dank der ausgeprägten Abneigung der japanischen Kultur, Überholtes zum alten Eisen zu werfen.

Und so verkörpert der Tenno auch heute noch die japanische Kultur im umfassendsten und zugleich wenigsten konkreten Sinn, so wie auch die Verfassung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs es will. In Umfragen erklären große Mehrheiten, den Tenno zu „mögen“, nicht mehr, nicht weniger. Was wissen sie denn auch konkret von ihm? Der Tenno darf kein öffentliches Wort sagen, das nicht vorab von der Regierung entworfen und aufgeschrieben wurde. Kein öffentlicher Auftritt, der nicht vom Hofamt mit der Regierung genauestens verabredet wurde. Denn Politik soll der Tenno nicht mehr machen, nachdem er vor dem Krieg zu sehr vor den Karren der imperialistischen Führer des Landes gespannt worden war. Und doch hat der Tenno eine Autorität, die kaum genau fassbar ist. Wie sonst hat er die Regierung gezwungen, seinen Rücktritt zu billigen, der von einem Gesetz des 19. Jahrhunderts ausgeschlossen wird? Er hätte seine Rede, mit der er den Rücktrittswunsch öfffentlich machte, nie halten können, hätte die Regierung nicht vorab zugestimmt; und eine Wunsch des Tenno abzulehnen, war für die Regierung ausgeschlossen. Noch viel wichtiger, wie hat Akihito durchgesetzt, dass er selbst, als höchster Repräsentant Japans, „politisch“ handeln durfte, als er Entschuldigungen für Japans Kriegsuntaten gegenüber Korea und Japan aussprach? Auch dies mit Hilfe der Autorität, die er der Regierung gegenüber besitzt, die aber keinesfalls öffentlich dargestellt werden kann.

Spätestens ab dem 9. Jahrhundert waren dem Tenno einzig noch seine religiösen Rechte als Gottheit und oberstem Priester der Shinto-Religion und damit Garant des Wohlergehens des Landes verblieben, bald war nurmehr in seinem Palast verarmender Gefangener der herrschenden Samurai-Familien. Nützlich war er erst wieder, als 1868 die Erneuerer Japans in der sogenannten Meiji-Restauration fanden, dass der Tenno sich eigne, die traditionsverhaftete Identität Japans inmitten der sich nun mit Hochgeschwindigkeit modernisierenden Gesellschaft zu verkörpern. Der Zusammenhalt des neuen Japans verdankt sich dieser Rolle des Kaisers. Er spiegelte, was immer die politischen Herrscher aus dem Land machten: Kolonialmacht, Diktatur, und nun die neue demokratische Nachkriegsgesellschaft. Damit konnte der Tenno unter Akihito einen Raum erhalten, den er in den letzten Jahrhunderten nicht besessen hatte. Akihito verkörpert eben neben der Tradition auch den Individualismus des modernen Japaners, seine Weltoffenheit und Liberalität. So finden die Zeremonien zu Abdankung und Thronbesteigung in Kleidern aus der Zeit vor tausend Jahren statt; doch die erste Begegnung des neuen Kaisers mit den ausländischen Botschaftern im Frack.

Während der dreißig Jahre Akihitos auf dem Thron ist Japan eine zivile Friedensmacht geworden, ein weltweit mit der Bundesrepublik Deutschland zu beliebtesten zählendes Land. Statt an Geishas und Teezeremonie denkt der Betrachter Japans heute an Sushi und Mangas. Es ist eine tolerante, gelassene Gesellschaft, die drittstärkste Wirtschaft der Welt, noch immer, und wer das größte städtische Ballungsgebiet der Welt, den Raum Tokio, besucht, der erlebt, wie perfekt und reibungs-, fast anstrengungslos, eine moderne Industriegesellschaft funktionieren kann.

Ein „schönes Japan“

Allerdings, da wird nun Akihitos Sohn und Thronfolger, Kronprinz Naruhito, gefordert sein. Einigermaßen hilflos ist Japan heute den großen Machtverschiebungen unserer Zeit ausgeliefert, auf Wohl und Wehe an den USA sogar Trumpschen Zuschnitts orientiert (und Trump wird der erste Gast des neuen Kaisers sein). Als wäre das nicht genug, brummt die Wirtschaft nur noch mäßig, denn die großen Unternehmen investieren lieber Im Ausland: Wegen der Überalterung der Gesellschaft gibt es immer weniger Arbeitskräfte, und auch immer weniger Konsumenten.

Durch den Wechsel auf dem Thron gibt es eine weitere, für die japanische Öffentlichkeit bedeutsame Regelung. Premierminister Shinzo Abe hat der traditionell mit der Thronbesteigung des neuen Tenno beginnenden neuen dynastischen Periode wie gewohnt einen glücksverheißenden Namen gegeben, mit dem ab nun offizielle die Jahre gezählt werden: Reiwa, „schöne Harmonie“, zwei Schriftzeichen aus einer Gedichtesammlung des 8. Jahrhunderts. Eine andere Übersetzung des Begriffs kann auch „schönes und geordnetes Japan“ heißen und damit auf die Zielsetzung Abes während seiner ersten Regierungszeit 2006 hinweisen, ein „schönes Japan“ zu schaffen. Und sollte Abe etwa den altgriechischen Begriff des „kosmopolitischen“ Staats im Sinn gehabt haben – was damals „schön geordneter Staat“ bedeutete – dann entspräche das auch der heutigen globalen Verflechtung Japans.

Es entspräche sicher auch den Neigungen Naruhitos. Auf zahlreichen Auslandsreisen hat er seinen Vater Akihito vertreten, er hat in Oxford Jura studiert, seine Frau in Blaubeuren am Goethe-Institut Deutsch gelernt. Wenn der Tenno Japans demokratische Kultur, seine international ausgerichtete Gesellschaft, sein ultramodernes Wesen spiegeln soll, dann dürfte Naruhito darauf vorbereitet sein. Das wird für Japans Selbstverständnis jedenfalls in den nächsten Jahrzehnten von größerer Bedeutung sein als die einem demokratischen Staat immer wieder zu erlebenden Neuausrichtungen des drögen Alltags der gewohnten politischen Geschehens.





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