Fünf vor acht
Die Morgenkolumne von ZEIT ONLINE

3. Mai 2022
Mit Japan auf der richtigen Seite

Mit seiner Reise nach Japan hat der Bundeskanzler eine wichtige Allianz gestärkt. Und erkannt: Nicht nur Russland, sondern auch China muss etwas entgegengesetzt werden.

Eine Kolumne von Theo Sommer

Bundeskanzler Olaf Scholz ist zu Unrecht kritisiert worden, weil er vergangene Woche nach Japan gereist ist. 13 Stunden hin, 15 Stunden zurück, dazwischen drei Termine: ein Essen mit Ministerpräsident Fumio Kishida, Besichtigung einer Wasserstoffanlage und eine Rede beim deutsch-japanischen Wirtschaftsdialog. Zeitverschwendung? Eine Zufallsreise? Keineswegs. Sie war ein starkes und notwendiges Signal, dass die deutsche Außenpolitik nicht total auf das aggressive Russland Wladimir Putins ausgerichtet ist, sondern dass sie im Systemwettbewerb zwischen Demokratien und Autokratien auf der Seite jener Länder steht, die dem auftrumpfenden, ausgreifenden Dominanzstreben Chinas ihren Selbstbehauptungswillen entgegensetzen.

Diesmal stehen Deutschland und Japan auf der richtigen Seite: zusammen gegen Aggressoren und für gemeinsame Werte, fairen Freihandel und eine regelbasierte Weltordnung. Das war nicht immer so.

Seit ich mich vor 70 Jahren zum ersten Mal mit dem Thema Japan befasste, hat mich die verblüffende Parallelität beeindruckt, die seit dem ersten amtlichen Kontakt vor 160 Jahren die Entwicklung unserer beiden Länder charakterisiert – genau gesagt seit dem 24. Januar 1861, an dem Graf Fritz zu Eulenburg den preußisch-japanischen Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag abschloss, nur sieben Jahre nachdem die “schwarzen Schiffe” des US-Kommodore Mathew Perry die Öffnung Japans erzwungen hatten.

Beide Länder waren Spätkömmlinge der Geschichte. Sie traten fast gleichzeitig auf die Weltbühne: Japan mit der Meiji-Restauration von 1868, Deutschland mit Bismarcks Reichsgründung 1871. Beide stürzten sich mit martialischem Aplomb in den Imperialismus. Das Deutsche Reich schlitterte aus eigenem Antrieb in den Ersten Weltkrieg; das Tenno-Reich, das 1895 China und 1905 Russland besiegt hatte, trat in ihn ein, um sich des deutschen Kolonialgebiets Tsingtao und Shantung im Nordosten Chinas zu bemächtigen. In den 1930ern mündeten dann die separaten Antriebe ihres waffenklirrenden Expansionismus – gleichermaßen verbrecherisch der Deutschlands in Europa wie der Japans in Asien – in den zerstörerischen Mahlstrom des Zweiten Weltkrieges, in dem sie erst getrennt losschlugen, dann getrennt geschlagen wurden.

Ihre Bündnisse – zunächst der gegen die Sowjetunion gerichtete Antikominternpakt von 1936, dann der Dreimächtepakt (gemeinsam mit Italien) von 1940, schließlich das “Abkommen über die gemeinsame Kriegführung bis zum siegreichen Ende” vom 11. Dezember 1941 – blieben Allianzen ohne Rückgrat. Zu keiner Zeit gab es eine gemeinschaftliche deutsch-japanische Politik. Das Verhältnis der Bündnispartner war vielmehr bestimmt von ständigen Reibereien, Eifersüchteleien und gegenseitigem Misstrauen.

1945 lagen beide Staaten in Schutt und Asche. Sie waren besetzt, schuldbeladen, gedemütigt. Deutschland verlor ein Fünftel seines Gebietes; der Rest blieb über vier Jahrzehnte lang vom Eisernen Vorhang rigoros geteilt. Japan, das erst die US-Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zur Kapitulation veranlassten, blieb immerhin die Teilung erspart, allerdings nahmen sich die Sowjets die Nördlichen Territorien, die Kurilen-Inseln Habomai, Shikotan, Kunashiri und Etorofu als Kriegsbeute.

Hier wie dort folgten die Umerziehung, die sicherheitspolitische Anlehnung an die USA, die Festigung demokratischer Strukturen, der Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder – der unglaubliche Wiederaufstieg unserer Nationen. Dem deutschen Mirakel folgte das japanische. Und beide Staaten fanden nicht allein zu Wohlstand – weltweit wurden ihnen nach einiger Zeit auch Wohlanständigkeit, Friedlichkeit und Verträglichkeit attestiert. Getrennt voneinander, doch parallel fanden sie den Weg in den Westen. Es war übrigens Helmut Schmidt, der in seiner Kanzlerschaft Japan zu den Gipfeltreffen der währungs- und wirtschaftspolitisch wichtigsten Staaten hinzuzog; aus den G5 wurden damals die G6. Trotz seiner geografischen Randlage und trotz vieler nationaler Eigenheiten, Denkweisen und Traditionen, die es sich bewahrt hat, gehört Japan untrennbar dazu. Wenn gelegentlich die Formel the West and the rest im Schwange ist, wird das fernöstliche Inselreich von niemandem zum Rest gezählt.

Nun sieht es so aus, als ob die viel berufene Zeitenwende auch die Beziehungen zu Xi Jinpings Volksrepublik China erfasst. In Berlin wie in Brüssel, wo die Kommission der Europäischen Union an dem Konzept einer EU-China-Politik arbeitet, hat sich die Tonlage gegenüber China verschärft. Statt vom Partner und vom wirtschaftlichen Konkurrenten ist nun vor allem vom Systemrivalen die Rede. Das war schon in den Indo-Pazifischen Leitlinien der Fall, die das Auswärtige Amt im September 2020 veröffentlichte. Aber jetzt erst wird daraus Politik.

Freilich ist China nicht Russland, das man als Tankstelle mit Atomwaffen bezeichnen kann. Von russischen Rohstoffen – Öl, Erdgas und Kohle – kann sich der Westen lösen. Chinas Verflochtenheit in die Weltwirtschaft lässt jedoch eine ähnliche Loslösung von der Ökonomie der Volksrepublik nicht zu. Es kommt heute für 18 Prozent der US-Importe (2021: 549 Milliarden Dollar) und 22 Prozent der EU-Importe (2021: 597 Milliarden Dollar) auf. China ist der größte Handelspartner von rund 130 Nationen, darunter sowohl Japan als auch Deutschland. Die Japaner führten 2021 Handelsgüter im Wert von 163 Milliarden Dollar nach China aus und von dort Güter im Wert von 151 Milliarden ein; Deutschlands Exporte nach China lagen bei 103,6 Milliarden Euro, die Importe aus China bei 147,7 Milliarden Euro. Aber das ist nicht die ganze Verflochtenheit. Die deutsche Automobilindustrie hat zum Teil chinesische Eigner und ist im Übrigen weithin vom chinesischen Markt abhängig. Volkswagen setzt in China 43 Prozent seiner Produkte ab, BMW 33 Prozent, Daimler 32 Prozent. Kein Wunder denn, dass der Bundeskanzler in Tokio vor einer Deglobalisierung und einer Abkopplung warnte.

Allerdings hat uns Putins Politik gelehrt, dass die wirtschaftliche Abhängigkeit von einem einzigen Land von Übel ist. Dies gilt auch für China, das in viel zu vielen Bereichen unser Hauptlieferant ist. Da ist auf jeden Fall ein Abbau der Abhängigkeit geboten – durch Diversifizierung der Lieferketten, Heimholung relevanter Industrien und intensivere Kontrolle chinesischer Investitionen bei uns.

Mit Sicherheit wird dies heftige Diskussionen auslösen – ganz unabhängig von der neuen deutsch-japanischen Partnerschaft.





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