Buch „Toyotas wahre Stärke: Erfolgreiche Arbeitskultur mit meisterhaften Mitarbeitern“

Ein Beitrag von Ruprecht Vondran

Wir Deutschen arbeiten „schnell“, die Japaner dagegen „gut“ – wer ein Buch mit dieser These einleitet, macht sich angreifbar. Die Autorin, Aino Bender-Minegishi, empfiehlt darin „Lean Management und die japanische Arbeitskultur“. Gewöhnlich gehen die Meinungen darüber, was „gute Arbeit“ ist, weit auseinander. Wer Arbeit gibt, sieht es anders als einer, der Arbeit nimmt. Schon innerhalb eines Landes kann man also sehr Unterschiedliches dazu hören. Anders dieses Buch. Es hat einen Ansatz, der beiden Seiten gerecht wird. Und es greift weiter: Es nimmt die Leser an die Hand, um sie über Grenzen in einen anderen Kulturkreis zu führen. Vorbei an Bergen von Literatur, die dazu bereits aufgehäuft wurden. Vorbei an Missverständnissen, die viele Seiten füllen.

Wie kann es so zielsicher den Weg nach Japan weisen? Die Autorin ist international aufgewachsen. Vom Vater, Auslandskorrespondent, der aus vielen Hauptstädten für die FAZ berichtet hat, ihr Interesse an Wirtschaft und Politik! Von der Mutter, einer Finnin, ihre Sensibilität für Kulturwissenschaften! An ihrer Seite ein japanischer Künstler, der in Deutschland mit hohen Auszeichnungen bedacht wurde! München ist heute ihr Lebensmittelpunkt.

Nachdem sie die Jugendjahre in Tokyo verbracht hat, ist sie auch beruflich zunächst dorthin zurückgekehrt. Auch heute ist sie regelmäßig auf dem Weg nach Fernost. Sie sieht auf annähernd 20 Jahre in Japan zurück. In Kultur und Sprache ist sie in beiden Ländern zu Haus.  Hier wie dort hat sie sich die Arbeitswelt zu eigen gemacht. Von ihrer Fähigkeit, Brücken zu bauen, macht sie regen Gebrauch. Gemeinsam mit einer Kollegin berät sie Unternehmen, , die Lean-Management betreiben.

„Monozukuri“ ist im Japanischen ein Schlüsselwort. Es steht auch im Namen der Firma, für die unsere Autorin tätig ist. Es findet sich häufig in Reden, in denen Premierminister Abe für sein Land wirbt. Und es ist auch Kern des Buches, über das hier berichtet wird. Es zielt auf die Fähigkeit, die Kunst und die Wissenschaft, „Dinge zu schaffen“. Schon seit alten Zeiten ist es Kernsubstanz japanischer Handwerksarbeit, die ein hohes Maß an Präzision, Funktionalität und Ästhetik zu verbinden weiß. Wichtige Firmen, mit vielen zehntausend Mitarbeitern, sehen sich noch heute in dieser Tradition japanischer Handwerkskultur, allen voran das Weltunternehmen Toyota.

Dem ist ein Wort als zur Seite gerückt worden, das in eine ganz andere Richtung weist; zumindest scheint es so: Unternehmen sollen „lean“ sein, schlank und rank. Hier ist der Einfluss amerikanischer Betriebswirtschaft spürbar, die der japanischen Managementlehre zweite Wurzel gegeben hat. Ursprünglich war damit gemeint, dass jedes Maß an Verschwendung – an Material, an Zeit und Arbeit – zu vermeiden ist. In der Beratungsbranche hat dies zu manchen Missverständnissen geführt. Das kann man hier nachlesen.

„Lean“ ist als Technik angesehen worden, die oft genug zu Lasten menschlicher Substanz ging. Die Autorin Bender stellt sich dem entschlossen entgegen. Die Wertschätzung des Menschen steht am Beginn jeder Wertschöpfungskette. In diesem Bemühen stellt sie dem „monozukuri“ den Begriff des „hitozukuri“ („hito“ = Mensch) entgegen. Das wird sehr deutlich, wenn sie über die Personalentscheidungen spricht, denen sie im Unternehmensmanagement die höchste Bedeutung zumisst: menschliche Qualität, insbesondere die Fähigkeit zum Engagement im Sinn der Gemeinschaft, zählt hier mehr als Spezialwissen. Intellektuelle Beweglichkeit ist natürlich wünschenswert, vermag aber fehlende Teamfähigkeit nicht auszugleichen.

In diesem Zusammenhang gibt sie einem Gedanken, der in Deutschland wenig beachtet wird, einiges an Raum: das Prinzip 2 : 6 : 2. Es besagt, dass jede Gruppe von Menschen, gleich welcher Größe, eine Struktur aufweist: 20 % sind leistungsstark und motiviert, 20 % sind leistungsschwach und antriebsarm. 60 %  verhalten sich passiv und unentschlossen.

Japanische Personalwirtschaft richtet alle Aufmerksamkeit und Energie auf die positiven 20 %, die in der Lage sind, die Unentschlossenen mitzuziehen. Dagegen lohnen die unteren 20 % gar zu große Mühe kaum.

Das Buch stellt sich im zweiten Teil als ein japanisches „1×1 der guten Arbeit“ dar: Wie bereiten sich Japaner auf ihren Arbeitstag vor? (bereits vor offiziellem Beginn vor Ort). Wie begrüßen sie ihre Kollegen? (laut und fröhlich). Wie führen sie einen Kalender? (analog nicht digital). Wie schreiben sie eine Mail? (wenig Fließtext, viele Daten und Absätze). Wie unterrichten sie über Fortschritt der Arbeit? (nach dem „Spinatprinzip“ ho-ren-so). Wie gehen sie mit Kundenreklamationen um? (wichtiges Lehrstück). Wie planen Japaner? („front-loading“ = so viel vorab wie möglich).

Last but not least folgen zwei ergänzende Kapitel: das Verständnis von Teamarbeit (Gemälde-Prinzip = gleichzeitig und gemeinsam) und die Rolle der Führungskraft (Meister und Verfechter des Wertesystems).

Dies nur als ein kleiner Auszug, der Geschmack auf mehr machen soll.

In der Summe ein Buch, über das man sagen kann: eine „gute Arbeit“.





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