Viele unserer Mitglieder werden sich an Albrecht Rothacher erinnern: Bis vor wenigen Jahren an der Vertretung der Europäischen Union in Tokio tätig. Ich selbst hatte durch die Dreifachkatastrophe des Jahres 2011 viel mit ihm zu tun. Er war aber nicht nur im diplomatischen Dienst, sondern hat sich in vielfältiger Weise mit Japan beschäftigt: Die Leser der „OAG-Notizen“ wissen es. Nun hat er ein eigenes Buch veröffentlicht, und zwar zu Okinawa. Untenstehend die Rezension des Ostasienwissenschaftlers Thomas Weyrauch.
 
Volker Stanzel

Gräuel, Elend und eine geraubte Zeremonialglocke

Buchempfehlung

Albrecht Rothacher: Okinawa. Die letzte Schlacht des Zweiten Weltkriegs. Vorgeschichte, Verlauf und Folgen. München: Judicium 2018. 306 Seiten, 15 Karten, ISBN 978-3-86205-132-8, 28,- Euro

Nur wenige deutschsprachige Bücher sind zu den Ryūkyū-Inseln bzw. der Hauptinsel Okinawa erschienen. Umso erfreulicher ist die Publikation des Japan-Kenners Albrecht Rothacher. Seit 1429 unter einem König vereinigt, war die Inselgruppe zwar von China und Japan unabhängig, geriet aber zunehmend in die Interessenssphäre beider Länder. 1871 annektierte Japan schließlich das Königreich und löste es acht Jahre später auf. Dennoch hatten anfängliche Assimilationsversuche Japans nur mäßigen Erfolg, bis die japanische Militärherrschaft 1940 die Benutzung der Ryūkyū-Sprache und die Ausübung ihrer Kultur verboten.

Erst gegen Ende des 2. Weltkrieges von der japanischen Armee in Kriegs- und Verteidigungsstrukturen eingebunden, gewann das Archipel 1944 durch amerikanische Gebietsgewinne an strategischer Bedeutung. In Eile angelegte Defensivanlagen machten die Inseln nunmehr zum Schauplatz strategisch sinnloser Militäreinsätze der in die Enge getriebenen japanischen Truppen. Auch Selbstmordattentäter sowie fragwürdiger Materialverbrauch konnten die japanischen Verluste nicht verhindern. Dennoch waren die US-Truppen über Monate in zähe Gefechte verwickelt und mit den Superwaffen der japanischen Marine, wie etwa dem Schlachtschiff Yamato, konfrontiert.

Rothacher thematisiert in diesem Zusammenhang die psychische Belastung der Soldaten beider Seiten: „Wer von der Front zurückkam, hatte normalerweise ein Samurei-Schwert im Gepäck. Aber die Leute sahen anders aus. Sie hatten ausdruckslose Augen, die die Anspannung, das Elend, den Schrecken und die Schlaflosigkeit zeigten, und die absolute Gleichgültigkeit junger Männer, die ihre Jugend verloren hatten“. „Zumeist folgte der psychische Zusammenbruch erst auf den physischen, bei denen die Grenzen menschlichen Durchhaltens erreicht und überschritten wurden“. Diese Abstumpfung ging mit von japanischen wie auch amerikanischen Kampfbeteiligten verübten Kriegsverbrechen an Gegnern, wie Hinrichtung oder Folterungen von Gefangenen, einher. Maßgeblich zählten jedoch okinawanische Zivilisten zu den Opfern. Nachdem amerikanische Militärangehörige Shuri, die frühere Hauptstadt der Ryūkyū mit zuvor 18.000 Einwohnern, 5.000 Häusern und einer Burg besetzten, fanden sie nur noch eine Mondlandschaft vor, in der sie vergeblich nach Souvenirs suchten. Häuser lagen in Trümmern, Bäume bis auf Stümpfe verbrannt, fast alle Kunstschätze verschwunden. Lediglich eine Zeremonialglocke wurde als Raubkunst für Sportveranstaltungen der Militärakademie West Point entführt.

Das Kriegsende führte zu japanischen Massakern an Zivilisten, die man der Spionage für die USA beschuldigt hatte. Mit dem Sieg der US-Truppen wurden Männer zur unbezahlten Arbeit für die Militärs verpflichtet, Frauen hatten auf Feldern die Ernährung der Besatzer zu sichern oder mussten in Militärbordellen den Lebensunterhalt ihrer Kinder sichern. Während die Burg von Shuri zu Straßenschotter verarbeitet und national-religiöse Kulturgüter zerstört waren, herrschte auf den Ryūkyū Rassendiskriminierung, während sich das Selbstverständnis der neuen Herrschaft in diesen Worten widerspiegelte: „Wir kamen nicht hierher, um Santa Claus für die Einwohner dieser Inseln zu spielen, noch haben wir die Absicht, ihren Lebensstandard (…) zu heben“.

Rothacher hat diese Phase in einer historisch wenig beachteten Region in den Fokus seiner Forschung gestellt. Im Gegensatz zu kriegsverherrlichenden Schilderungen der Kämpfe um Okinawa oder zu verniedlichenden Darstellungen, wie etwa in Daniels Manns Film „The Teahouse of the August Moon“, machen die Vielschichtigkeit der Untersuchungen, seine Informationsfülle und letztlich auch seine farbige Sprache das Buch zu einer empfehlenswerten Lektüre.

Dr. Thomas Weyrauch





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