Gerade hatten wir die Tsunami-/Fukushima-Katastrophe im Jahr 2011 hinter uns, da las ich, dass Donald Keene Japaner geworden sei.
Donald Keene war Japanologen meiner Generation ein Begriff: DER große lebende Kenner japanischer Literatur, Übersetzer, Freund der japanischen Schriftsteller dieser Zeit. Er hatte das Genji Monogatari als junger Mann gelesen, und beschlossen, es einmal im Originaltext zu lesen. Das erzählte er mir, als ich ihn 2011 endlich persönlich kennenlernte, und ich konnte antworten, auch ich habe dieses wundervolle Werk aus etwa dem Jahr 1000 als Teenager gelesen – aber mir fehlte Keenes Entschlusskraft. Die Begegnungen mit Keene seither gehören zu meinen faszinierendsten Japan-Erfahrungen. Als ich 2016 in Soka an der Dokkyo-Universität unterrichtete, lud ich ihn einmal zum Spaziergang auf der Nikko-Kaido dort ein: denn längs dieses Wegs hatte die Stadtverwaltung von Soka Felsstücke aufgestellt, mit Bemerkungen Keenes zu dem Haiku-Dichter Matsuo Basho, der längs dieses Wegs gereist war, und auch mit Kalligrafien Keenes. 

2018 sah ich ihn noch einmal: Da war er nach London gekommen, um der Aufführung eines Bunraku-Stücks beizuwohnen, das aus dem 17. Jahrhundert stammte und dessen Text in den Hinterlassenschaften Engelbert Kaempfers entdeckt worden war.

Richtig, und warum nahm Keene 2011 die japanische Staatsbürgerschaft an? Um, erzählte er, seinen Dank an das Land auszudrücken, dem er die wichtigsten Erfahrungen seines Lebens verdanke. Ob er seine Verwandte und Freunde in New York nicht vermissen werde, fragte ich ihn. „Denken Sie an an mein Alter: Die gibt es nicht mehr!“ antwortete er.

Hier noch ein interessanter Artikel von Donald Keene: https://www.japantimes.co.jp/news/2015/01/01/national/history/donald-keene-reflects-70-year-japan-experience/?fbclid=IwAR0g8bRZ7A_f69itot9KKI7WyrNpeh1Zi7ei3AnXQ_4rArV0GFkKDbc1RBM#.XHJnJ6doRTZ

Volker Stanzel





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